karl Holtz

Wieder einer

Der Zeichner Karl Holtz verstarb in einem Zwangsarbeitslager

Wieder einer, der in dem Schuldbuch der sowjetrussischen Gewaltherrschaft aufgezeichnet bleiben wird: K a r l H o l t z. Soeben erreicht uns die Nachricht, daß dieser phänomenale Karikaturist, der von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, vor kurzem in einem sowjetrussischen Arbeitslager verstorben ist.

Karl Holtz war ein politischer Zeichner von ausgeprägter Wesensart, der es in künstlerischer Beziehung durchaus mit Th. Th. Heine und Karl Arnold aufnehmen konnte. Er hatte seinen eigenen, scharf profilierten Stil, mit dem er in unzähligen Zeichnungen von 1923 bis 1933 in der satirischen Zeitschrift "Lachen links" in Erscheinung trat. Seine Karikaturen waren Röntgenaufnahmen der Schwächen und Widersinnigkeiten der Weimarer Ära, in der sich aus Mangel an Selbstvertrauen vieler Republikaner die Totengräber der Volkssouveränität und der demokratischen Freiheit ungestraft austoben konnten. Mit aggressiven Mut nahm er sich die Spießermuffigkeit, die Trabanten des Ungeistes, die Fuhrknechte der Reaktion aufs Korn. Er hat dabei Hitler ebensowenig geschont wie die "bürgerlichen" Drahtzieher und Hintermänner, die aus persönlicher Feigheit oder persönlichen Eigennutz das Unwetter der Katastrophe, unter dem wir noch heute zu leiden haben, heraufbeschworen.

Mit dem Anbruch des Dritten Reiches war Karl Holtz jede Möglichkeit genommen, sich in seinem Metier politisch zu betätigen. Zwölf Jahre lang hatte er geschwiegen. Erst 1945 sehen wir ihn wieder in der satirischen Zeitschrift "Ulenspiegel", unverbraucht, gradlinig wie in früheren Zeiten. Er ging seinen eigenen Weg, ohne den Einflüsterungen der Besatzungsoffiziere zu erliegen. Da er sein Haus in Rehbrücke bei Potsdam nicht aufgeben wollte, verblieb er in der Ostzone. Er hätte in das freie Berlin kommen können, aber er wollte nicht. Das eine wie das andere könnte man ihm übelnehmen. Aber er rechtfertigte seine aufrichtige Gesinnung dadurch, daß er die östlichen Machthaber in dem in der Schweiz erscheinenden "Nebelspalter" nicht schonte. Das hat ihm den Hals gebrochen. Eines Tages wurde er verhaftet und in ein Zwangsarbeitslager gesteckt.

Diese schwere Zeit hat er nicht überstanden. Er ging, ein großer Künstler aus der Ahnenreihe der Daumier, Steinlen, Grosz, von uns in der Hoffnung, daß eines Tages auch für die kritische Kunst wieder die Tore der Freiheit für ganz Deutschland aufgebrochen werden.

W. G. O.

Telegraf, Nr. 190, vom 18.08.1955 (vgl. hier Wolfgang U. Schütte Nachrufe zu Lebzeiten)