karl Holtz

ZEIT-ZEICHNER

Gezeichnet vom Gelben Elend

In der Weimarer Republik linker satirischer Zeichner, im Dritten Reich gemaßregelter Werbegrafiker, in der DDR erst im Zuchthaus, dann Humorist. Karl Holtz saß zwischen allen Stühlen.

Als der neunundsiebzigjährige Zeichner Karl Holtz vor 15 Jahren am 16. April starb, flocht ihm die Nachwelt keine Kränze. Im Gegenteil, er schleppte unsichtbar eine Dornenkrone mit sich herum. 1949, noch vor der Gründung der DDR, bekam er, wie er später dem Kunstwissenschaftler Wolfgang U. Schütte schrieb, das höchste Honorar, das er jemals für eine Zeichnung erhielt: dwazatch pjat let - 25 Jahre Zuchthaus. Im liberalen Schweizer Satireblatt Nebelspalter hatte er seine persönliche Meinung über den Genossen Stalin gezeichnet. Zur Lobpreisung geriet sie nicht, wie das damals im Osten Europas üblich war, wenn der Generalissimus ins Bild gesetzt wurde. Im Sommer 1949 war das kreuzgefährlich. Die sowjetische Besatzungsmacht herrschte noch unumschränkt und direkt - auch in Potsdam-Rehbrücke und Umgebung, wo Karl Holtz wohnte.
Der in der Weimarer Republik erfolgreiche Zeichner hatte dort gerade sein Häuschen gebaut, als die Nazis begannen, den Deutschen mit der Demokratie auch Humor und Satire auszutreiben. Der ehemalige Orlik-Schüler Holtz besaß die besten Chancen, mit entfernt zu werden. In vielen linken Zeitungen hatte er seit 1918 ätzende Satiren veröffentlicht. Die Schwarze Reichswehr gehörte zu seinen Intimfeinden, und die Nazis überschüttete er bis 1933 mit ätzendem Spott. Nun hatten die Braunen die Macht, und die Rache war ihre. Dem sozialdemokratischen Pressezeichner wurde postwendend ein dauerhaftes Berufsverbot ausgesprochen. Lediglich seine technische Versiertheit rettete ihn. Als anonymer Werbegrafiker und technischer Zeichner überlebte er die braune Katastrophe. Auch ob seiner Pfiffigkeit und seines Mutes. Der pazifistische brave Soldat Holtz-Schwejk entfernte sich 1945 vorzeitig von der Truppe. Seins wurde da nicht verteidigt.
Als Zeichner, der seinen Stift links gebrauchte, nahm er nach dem Kriege die Vergangenheit und die Gegenwart Maß. Vorzugsweise geschah das im vorzüglichen Ulenspiegel, der von den ehemaligen KZ-Häftlingen Herbert Sandberg und Günter Weisenborn herausgegeben wurde. Doch auch die neuen Herren hatten Schwierigkeiten mit der Satire - sie konnten nicht lachen, schon gar nicht über sich selbst. Und so verboten sie den Ulenspiegel. Holtz schickte seine unveröffentlichten Blätter, darunter das über den genialen Generalissimus, in die Schweiz. Der Nebelspalter druckte sie, und dann setzte man den Zeichner unter Druck - im Gelben Elend in Bautzen. Nach sieben Jahren, Stalin war längst in die Grube gefahren, wurde Holtz begnadigt, rehabilitiert nie. Im EULENSPIEGEL durfte er aber ein Titelblatt gegen den Personenkult veröffentlichen. Anschließend zeichnete er als Humorist mit eigenen Einfällen und als Satiriker nach lupenreinen Redaktionsideen.
Erstmalig, nach fast 43 Jahren, drucken wir im MAGAZlN nun jene Blätter ab, die den Autor Holtz vor ein sowjetisches Militärgericht brachten. Hoffentlich eine Anregung für das Deutsche Museum für Karikatur und kritische Grafik (Wilhelm-Busch-Museum) in Hannover, das nach wie vor eine Ausstellung seines Lebenswerkes ablehnt.
PS: In Berlin gibt es bisher noch eine Karl-Holtz-Straße. Es ist zu hoffen, daß die nicht auch noch umbenannt wird.

Harald Kretzschmar